Die anhaltenden Regenfälle der letzten Tage und Wochen haben im engeren und weiteren Stadtgebiet Augsburgs zu einer: Situation geführt, die im Verlauf des Freitags äußerst kritisch aussah, in den Abendstunden aber glücklicherweise etwas an Gefährlichkeit verlor. Göggingen und der Augsburger Stadtteil Pfersee standen von Freitag früh 3 Uhr bis nachmittags gegen 16 Uhr buchstäblich am Rande einer Katastrophe. Die Wertach war derart angeschwollen, daß ihr Hochwasser, das stärkste übrigens seit 1932, stellenweise schon die ,Dämme zu durchbrechen; und zu überspülen drohte. Wie diese Hochwassergefahr - mit viel Glück - gemeistert werden konnte, schildern die nachfolgenden Berichte unserer beiden Redaktionsmitglieder.
Noch am späten Donnerstag abend richten Landrat Dr. Fritz Wiesenthal und Amtmann Emil Königstein in den Räumen der LP-Station Göggingen ihr Hauptquartier ein. Pausenlos fahren die Polizeiwagen durch das Kreisgebiet. Über Funk informieren die Beamten der Landpolizei ihren Inspektionsleiter und den Arbeitsstab, den Landrat Dr. Wiesenthal gebildet hat. Ihm gehören Oberamtmann Anton Hafenrichter, Oberinspektor Schmitt und Kreisbrandinspektor Wiedemann an. Die einzelnen Meldungen lassen immer deutlicher erkennen, daß von der Wertach die Hauptgefahr droht. Zwar sind Schmutter, Zusam und der Anhauser Bach längst über die Ufer getreten, aber unmittelbare Gefahren bestehen für die Bevölkerung nicht. Gegen Mitternacht kommen aus dem Raum Kauflbeuren Meldungen über neue Flutwellen. Der Wasserspiegel der Wertach steigt ständig. Gegen 3.15 Uhr entschließen sich Dr. Wiesenthal und Amtmann Königstein Katastrophenalarm zu geben. In Göggingen und Inningen heulen die Sirene und alarmieren die Freiwilligen Feuerwehren und Technischen Hilfsdienste.
Erste Sicherungsmaßnahmen
Göggingens Bürgermeister
Karl Mögele leitet zusammen mit dem Vorstand der Frei willigen Feuerwehr,
Otto Durner, die ersten Sicherungsmaßnahmen ein. Mit Lastwagen werden
Hunderte von Sandsäcken zur Wertachbrücke in Göggingen transportiert.
Der östliche Damm der Wertach muß verstärkt werden Der
Fluß führt bereits 350 Kubikmeter Wasser in der Sekunde. Die
schmutzigbraunen Fluten brechen sich an den Brückenpfeilern. Nördlich
des Stauwehres tritt das Wasser über die Ufer und überschwemmt
die neue Kleingartenanlage. am Wertachdamm. Ein reißender Strom wälzt
sich In Richtung Augsburg! Das erst in den letzten Wochen gesetzte Pflanzgut
in den Gärten wird abgetrieben, die Terrassen und Gartenwege unterspült
und zum Teil völlig zerstört.
Brücke in Großaitingen
zerstört
Fast zur gleichen Zeit wird
der Mittelpfeiler der Wertachbrücke in Großaitingen von den
Wassermassen auseinandergerissen. Der Sportplatz in Inningen ist fast zwei
Meter unter Wasser. Auf der Inninger Brücke Füllen Mitglieder
der Freiwilligen Feuerwehr und eine Reihe von Helfern pausenlos Sandsäcke
auf. Die Stauwehren in Kaufbeuren und Schwabmünchen künden für
5 Uhr früh eine neue -Flutwelle an. Fieberhaft wird an der Befestigung
des Wertachdammes gearbeitet. In Göggingen beteiligen sich sogar einige
junge Mädchen an den Sicherungsmaßnahmen. Sie schleppen Sandsäcke
an das Wertachufer. Gegen 6 Uhr schwillt der Fluß erneut an. Jetzt
führt die Wertach über 400 Kubikmeter Wasser in der Sekunde.
Bürgermeister Karl Mögele und Landrat Dr. Wiesenthal fürchten,
daß der Damm ein weiteres Steigen der Fluten nicht mehr aushält.
Die Stauwehren versuchen möglichst viel Wasser zurückzuhalten.
Vergebens! Die Gischtwolken an der Gögginger Brücke werden immer
größer. Gegen 8 Uhr früh atmen die Einsatzkommandos auf.
Kaufbeuren meldet ein leichtes Sinken des Wasserspiegels. Um. diese Zeit
führt die Wertach bei Göggingen schon etwa 450 Kubikmeter Wasser
pro Sekunde in Richtung Augsburg. Die Meinung der Fachleute: “Wenn sie
trotzdem bis ca. 500 Kubik noch anschwellen sollte - dann hilft nichts
mehr!”
Öltanks werden leck
Eine unruhige Nacht verbringen
auch die Menschen in Stadtbergen und Leitershofen Das Oberflächenwasser
ist verschwunden aber der Grundwasserspiegel klettert weiter. Die Lage
verschärft sich von Stunde zu Stunde. Gegen 4 Uhr stehen in Stadtbergen
und Leitershofen fast 50 Keller unter Wasser. Besonders gefährdet
sind in Stadtbergen die Häuser in der Bismarckstraße, am Meisenweg,
in der Jahnstraße, Beethoven- und Südstraße. Der Freiwilligen
Feuerwehr stehen nur zwei Pumpen zur Verfügung.
Mannschaften benachbarter
Wehren können nicht helfen. Sie werden an anderen stärker gefährdeten
Punkten dringend benötigt. In Leitershofen laufen etliche 1000-Liter-Oeltanks
aus. Damit wächst die Gefahr einer Grundwasserverseuchung. Am Freitagmittag
werden in Stadtbergen die Keller lebenswichtiger Betriebe vorn Wasser befreit.
Wenige Stunden später sind die Räume jedoch erneut überflutet.
Das Grundwasser drängt unaufhörlich nach.
Schmutter und Zusam schwellen
am Freitagvormittag überraschend an. die Verbindungsstraßen
nach Fleinhausen, Gabelbach, Deubach und Oggenhof sind unpassierbar; die
Mühlen in Dietkirch, Deubach, Kreppen, Hausen und Fleinhausen stehen
unter Wasser. Der sonst so idyllische Anhauser Bach schwillt zu einem fast
hundert Meter breiten Strom an. Das Vieh muß aus den Stallungen gebracht
werden, in denen das eiskalte Wasser bereits eine Höhe von 60 Zentimetern
erreicht hat.
Die Bahnhofsunterführung
in Gersthofen und die Eisenbahnunterführung in Neusäß sind
für den gesamten Fahrzeugverkehr gesperrt.
Die Augsburger waren ahnungslos
Der Dauerdienstbeamte der
Augsburger Stadtpolizei, der von Donnerstag auf Freitag seinen Nachtdienst
im Augsburger Polizeipräsidium macht, hört am Radio gegen Mitternacht
die Wasserstandsmeldungen und erfährt dabei auch gleichzeitig, daß
Kaufbeuren und Schwabmünchen Hochwasser- und Katastrophenalarm gegeben
haben. Von der Tatsache, daß die Gögginger seit den frühen
Morgenstunden um die Erhaltung ihrer Wertachdämme buchstäblich
kämpfen, erfährt die Augsburger Polizei zunächst nichts.
Die Aktion, die Landrat Dr. Wiesenthal und Göggingens Bürgermeister
Mögele einleiten, bleibt in Augsburg unbekannt. Erst in den frühen
Morgenstunden. des Freitags meldet der Polizei-Streifenwagen “Anton 6”,
daß es im Bereich der Uhlandstraße, der August-Vetter-, der
Chemnitzer und Dresdener Straße zu Fahrbahnüberflutungen gekommen
sei. Woher das Wasser kommt, ist ,den Augsburgern noch ziemlich schleierhaft.
Polizeidirektor Schep? wird alarmiert. Nun beginnt der Wettlauf über
die Telefone. Stadtrechtsrat Bichler, der Polizeireferent, wird verständigt,
dazu Oberbaudirektor Gaßner vom Wasser- und Brückenbauamt. Auch
der OB erfährt die ersten Tatbestände. Inzwischen werden die
südwestlichen Pferseer Gebiete mit einem Wisch zugespült. Plötzlich
ist mitten im Wiesengelände ein reißender, fünf bis sechs
Meter breiter Bach. Er kommt aus der Gögginger Gegend, aus der Richtung
Radegundis und wird auch aus den sonst so harmlosen Wiesenbächen um
Leitershofen und Stadtbergen gespeist. Der Südrand von Pfersee fängt
zu schwimmen an. Bereits um 5 Uhr früh am Freitag morgen werden die
Bewohner des Hauses August-Vetter-Straße 25 wach. Im Vorgarten rauscht
es so eigenartig. Ein Blick vor die Tür - und die Leute stehen bis
zu den Knöcheln im reißenden Wasser. Das Schlußhaus der
Vetterstraße wird für den plötzlich aus dem Boden geschossenen
Wildwasserbach zur. Staustufe. Der Keller des Hauses ist im Nu voll. Die
umliegenden Häuser und ihre Keller folgen nach. Es wird lebendig in
Süd-Pfersee! Die Neubauten an der Uhlandstraße kriegen nasse
Füße, die Chemnitzer Straße, .rieselt regelrecht voll.
Eine Tiefgarage, in der noch fünf Autos stehen, ist mit einem Schwapp
bis unter die Betondecke zugestaut, die Autos sind unrettbar abgesoffen.
Das Wasser drückt die Garagen unter der Fahrbahn derart voll, daß
die obere Betondecke nachgibt, der daraufliegende Asphalt Risse bekommt,
und nun da und dort regelrechte Quellen aus der unterirdischen Garage sprudeln.
Augsburgs Feuerwehren werden in den frühen Morgenstunden bis auf einen
einzigen Brandzug, der in Reserve bleibt, alarmiert. Leiter des Einsatzes:
Brandinspektor Ding. Inzwischen stellt sich endlich heraus, woher das viele
Wasser kommt: Etwa 200 Meter unterhalb der Gögginger Wertachbrücke
läuft ein Abwasserkanal, der sonst ein harmloser Wiesenbach ist, in
die Wertach. Sein Einlauf kann im Bedarfsfall mit einem Schieber abgeschlossen
werden. Dieser Verschluß hält den Druck nun nicht mehr aus,
gibt nach - und nun läuft das Wasser in entgegengesetzter Richtung:
Nicht in die Wertach hinein - sondern aus der Wertach heraus - über
das Gögginger Wäldchen, das Licht- und Luftbad - in Richtung
Pfersee-Süd. Dazu kommen die Bäche aus der Gegend Radegundis
- und fertig ist der Keller-See für die Pferseer.
Keiner schafft an
Der Auslaß wird notdürftig
mit Sandsäcken abgedichtet: ,Das macht auf Gögginger Grund die
Augsburger Feuerwehr. Oberhalb der Wertachbrücke droht in den Vormittagsstunden
des Freitags der östliche Deich zu brechen. Bürgermeister Mögele
holt sich Leute zusammen, läßt Pfähle in die schon ausgebuchtete
Bruchstelle rammen, das entstehende Loch wird mit Sandsäcken ausgefüllt
- die erste Gefahr ist zunächst gebannt - sonst wäre womöglich
halb Göggingen baden gegangen.
Ein Bürgermeister
schimpft
Und nun, am frühen
Vormittag des Freitag, wird auch offenkundig, daß bei dieser beginnenden
- oder sich zumindest abzeichnenden Katastrophe ein Mann fehlt, der über
Gemeindegrenzen hinweg entscheiden und bestimmen könnte: Das wird
jetzt gemacht - und jenes erst später; Der Beobachter am Rande der
meterhohe Wellen werfenden Wertach erlebt folgendes: Oberbaudirektor Bruckner
und Oberbaurat Gaßner, beide aus Augsburg, werden vom Gögginger
Bürgermeister Karl Mögele hart angegangen: Zum gefährlichen
Rauschen der Wertach wird jetzt auch noch auf der Wellenburger Brücke
Fraktur gesprochen, Der Grund: Die Augsburger haben einige Sandsäcke
an das westliche Dammufer der Wertach gelegt, um wenigstens damit den Versuch
zu unternehmen, daß die überquellenden Wassermassen nicht noch
stärker in den Pferseer ,Bereich einfließen können. Dazu
meint nun Mögele: “Ich warte auf Sandsäcke, die mir die Stadt
Augsburg versprochen hat Ich muß, weiter oben, den gefährlichen
Dammbruch absichern, ,sonst geht mir in ein bis zwei Stunden .die ganze
Gemeinde baden. Die Sandsäcke wurden im Depot noch mir zugesagt Jetzt
wurden sie plötzlich umdirigiert und liegen nun hier, wo sie nichts
nützen. Das sind doch Kinkerlitzchen ... !" Die beiden Verantwortlichen
aus Augsburg hören ,sich ,das gelassen an. Hinterher meinen sie: “Wir
haben den Göggingern geholfen und wollen nun natürlich auch dafür
sorgen, daß Pfersee nicht noch weiter gefährdet wird. Was sollen
wir sonst noch dazu sagen...” Die alte Weisheit bewahrheitet sich hier:
Wenns brennt - oder das große Wasser kommt- denkt ,halt jeder an
sich selbst zuerst!
Der OB kommt am Nachmittag
Nachmittags gegen 15 Uhr
hat der OB erstmals Zeit gefunden, in die gefährdeten Gebiete, zu
fahren. An der Brücke in Göggingen sieht er sich die Sache lange
an. Eine Pumpe wird an jenem undichten Auslaßkanal angesetzt, welche
die braunen Fluten in die überschäumende Wertach zurückbefördert.
Das sieht sehr wirkungsvoll aus. Ob es ,etwas nützt weiß keiner.
Auf dem gefährdeten Wertachdamm laufen Männer, Frauen und Kinder
spazieren. Die Augsburger Polizei überspringt einmal die Zuständigkeitsgrenzen
und sperrt das Dammgebiet wenigstens teilweise ab. Die Wertachbrücke
in Göggingen kriegt an ihren Eingängen zwei Seile vorgespannt
- aber sie ist trotzdem nach wie vor voll von Leuten! Man bekommt den Eindruck:
Da sind wirklich Leute, Gruppen, Kommandos da, die arbeiten, die helfen,
die vorbeugen wollen. Aber kein Mensch sagt ihnen, was sie tun sollen.
Das Technische Hilfswerk, in Gesamtstärke von zehn Mann ausgerückt.
steht herum mit Pickel und Schaufeln und weiß nicht, was zu tun ist
Das wird erst anders, als der OB dann gegen 16 Uhr an der Uhlandstraße
anordnet: “So, nun mal herhören: Legt mal von hier aus eine lange
Schlauchleitung zum Brunnenbach und versucht das eingeflutete Wasser wenigstens
einigermaßen wegzupumpen."
Wasserstand über
Lautsprecher
Das Technische Hilfswerk
unterstellt er dem Kommando der Berufsfeuerwehr. Jetzt erst scheint die
Sache wenigstens etwas zu spuren! Die Amerikaner haben einige Motorpumpen
eingesetzt in Pfersee. Aber sie erreichen, wie die Berufsfeuerwehr auch,
zunächst wenig Erfolg: Was sie vorne wegpumpen, läuft hinten
wieder in die Straßenzüge und in die Häuserkeller. Dazu
der OB: “Wir pumpen halt, was wir können. Die Augsburger Kanalisation
kann das Wasser gar ,nicht mehr aufnehmen, das da ankommt.” Dann ordnet
er noch an: Die Polizei soll bis auf weiteres die Wasserstandsmeldungen
im gefährdeten Pferseer Gebiet über Lautsprecher bekanntgeben,
damit die Leute in ihren Wohnungen wenigstens noch Zeit dazu haben, die
Erdgeschosse freizumachen, falls des Wasser weiter steigt. Das ist alles.
Die letzte Gefahr
Die übelste Begleiterscheinung:
In den Häuserkellern, die überflutet und oft bis zur Decke vollgestaut
sind, hebt es die Oeltanks aus den Lagerungen, die Zuleitungen brechen
- das Oel entleert sich ins Wasser. Der Beweis: Das Wasser an der Chemnitzer
Straße bekommt am Freitagnachmittag plötzlich ölige Schlieren!
Eine Ferngasleitung läuft ausgerechnet auch noch durch dieses Gebiet.
Sie wird stillgelegt, die Stromversorgung teilweise abgeklemmt. Wenn das
ausgelaufene Oel ins Trinkwassernetz kommt - ist die Katastrophe da! Und
dann hofft alles darauf, daß das Wasser fällt. Die Wertach tut
den Goggingern und den Pferseern den Gefallen. Ihr Pegel sinkt. Der Lech
dagegen, dessen Hochwasser mit dafür gesorgt hat, daß zum Beispiel
in Hochzoll auch schon die Keller teilweise in einigen Straßenzügen
unter Wasser stehen und im Gebiet des neuen Flugplatzes nördlich des
Autobahnsees das Grundwasser die Wiesen einen halben Meter überflutet,
der Lech bleibt .im Wasserstand gleich. Das einzige Glück des Tages:
Es regnet nicht mehr. Seit Wochen scheint zum ersten Male wieder einige
Stunden lang die Sonne. Wenn der Regen nicht aufgehört hätte
- wären Göggingen und Augsburg noch stärker betroffen worden!
Der Flut-Schaden läßt sich heute auch noch nicht annähernd
abschätzen.
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