Geschichte von
Pfersee wie sie im Adressbuch für Pfersee aus dem Jahr 1906
abgedruckt ist. [Ergänzungen stehen in eckigen Klammern]
Kurze Orts-Geschichte
von Pfersee.
(Verfaßt von Andreas Müller,
Lehrer)
Pfersee ist das größte und bevölkertste
Pfarrdorf im Bezirksamte Augsburg und im Regierungsbezirke Schwaben und
Neuburg. Ursache der dichten Bevölkerung ist neben den vielen Fabriken
die Nähe von Augsburg. Pfersee ist gleichsam das westliche Eingangstor
von Augsburg; denn der Name Pfersee bedeutet soviel als "Pforte". Der Ortsname
klinkt keltisch und dürfte von Perz-Pforte abzuleiten sein; denn die
Außenwerke von Augusta Vindelicorum - Augsburg - reichten bis an
die Anhöhen des Wertachtales. Der wichtigste Flußübergang
über die Wertach war mit wohlbefestigten Brückenköpfen auf
beiden Seiten verwahrt und auf dem linken Flußufer stand ein römisches
Kastell. Am Anfang des vorigen Jahrhunderts stieß man auf die Fundamente
dieser alten Römerburg.
Sagenhaft und unglaublich klingt dagegen die
Mitteilung, daß der römische Feldherr Varus sich an der Wertach
in selbstmörderischer Absicht in einen kleinen See stürzte, der
dann den Namen Varus-See führte; später aber Vari-See genannt
wurde, dem dann der Ort Pfersee seinen Namen zu verdanken habe.
An Stelle des alten Römerkastells
wurde eine Burg erbaut, welche bischöfliche Dienstmannen bewachten.
Um diese Burg entstand dann eine Ansiedlung, das Dorf Perzse oder Perzheim.
Die Burg war mit einer großen Mauer umfangen; diese zog sich vom
heutigen Saalbau 3 König [Augsburger Str. 37(alte Hs.-Nr.40)] gegen
die Sonnen- [Gellert-] und Färberstraße hin.
Schon in der Römerzeit widerhallte das
Wertachgefilde und Pfersee von Waffenlärm. Beweise davon sind die
in dem alten Flußrinnsal oder an den Ufern der Wertach in den Jahren
1582, 1603, und 1731 zum Vorschein gekommenen oder wieder ausgegrabenen
Römer-Monumente. Nach den Stürmen der Völkerwanderung kam
Pfersee an die Bischöfe von Augsburg. Das angewachsene Dorf wurde
den bischöflichen Truchsessen von Leitershofen und später zum
Teil auch den alten bischöflichen Marschällen als Dienstlehen
zugeteilt.
Am Anfang vom 12. Jahrhundert erscheint in
der Urkunde ein Ritter Herman de Perzheim. Damals hatte Pfersee bereits
eine Pfarrkirche, welche die Dominikaner mit dem Zehent und mit den Gefällen
vom Hirtenamt nutznießlich inne hatten. 1249 herrschte Sigfridus
de Pfersee auf der Burg. Die Beurkundeten milites de Pferse stammten von
den ritterlichen Truchsessen von Leitershofen; denn das in dem Kloster
Ober-Schöne[n]feld aufgehängte Wappen der Ritter von Pfersee
enthält, wie jenes der bischöflichen Truchsessen von Leitershofen,
einen weißen Topf oder Hafen in rotem Felde.
Der Ritter Herman de Pfersee, welcher seine
Tochter an den Kämmerer von Wöllenburg verheiratete, wurde Kastellan
von Wöllenburg. Er war ein schlimmer Herr und erfüllte die ganze
Gegend jahrelang mit Raub und Brand. Der Raubritter wurde in die Reichsacht
erklärt und der kaiserliche Landvogt zu Augsburg, Graf Konrad
von Kirchberg,, hatte dieselbe auszuführen.
Wer dem von Pfersee oder seinen Helfern 1 Pfd, Geld gab, wurde mit 10 Pfd.
gestraft. Niemand durfte bei Strafe mit 10 Pfd. die Geächteten, ihre
Weiber oder Kinder beherbergen oder ihnen Speis und Trank reichen oder
in Wälder bringen. Erst 1312 ward Herman vollständig besiegt.
Er war aber nicht mehr im Besitz der Burg von Pfersee; er hatte sie etwa
25 Jahre vorher an den Bischof Siegfried von Augsburg verkauft. Der gefürchtete
Raubritter starb 1327.
Seine Nachkommen verkauften das Dorf Pfersee
um 500 Pfd. guter Augsburger Pfennige an Konrad Ohnsorg, Bürger von
Augsburg. Nun verschwindet das Geschlecht derer von Pfersee aus Augsburgs
Nachbarschaft und erst 1379 ist wieder ein Pranthoch von Pfersee als Bürge
bei einem anderweitigen Gutsverkauf beurkundet. 1345 verkaufte Heinrich
III., bezw. verpfändete die Burg von Pfersee mit Zubehör, den
Widdumshof; die Mühlen und Auen um 1175 Pfd. an Konrad Ohnsorg zu
Wöllenburg, welcher 15 Jahre zuvor von Herman und Pranthoch das Dorf
Pfersee erkauft hatte. Hiedurch vereinte Ohnsorg den ganzen Ortsbesitz
und mit solchem auch alle Gerichtsbarkeitsrechte. Kaiser Ludwig der Bayer
bestätigte durch eine besondere Urkunde die Veräußerung.
1363 verkaufe die Witwe dieses Konrad Schloß, Dorf und Zehent an
Sebastian Rehm.
In einer Fehde zwischen dem Herzog von Bayern
und der Reichshauptstadt Augsburg wurde Pfersee 1372 verbrannt.
Von Sebastian Rehm ging ein Teil Pfersees
an Kunrad Ilsung über. Unter dem damaligen Ilsung'schen und Rehm'schen
Doppelbesitz 1363 - 1382 wurde eine zweite Burg in Pfersee - die vordere
Burg genannt - erbaut, welche jedoch im 17. Jahrhundert wieder abgebrochen
wurde. 1432 hatte in dem Kriege zwischen Herzog Ludwig von Bayern und dem
Markgrafen Albrecht von Brandenburg, ersterer, wähernd er Augsburg
belagerte, in Pfersee sein Lager aufgeschlagen; von da aus schickte er
alle Tage einen Trompeter mit silbernen Flaschen nach der belagerten Stadt
und ließ dieselben mit gutem Wein füllen, was ihm auch der Rat
gewährte. Ludwig zog dann nach Wöllenburg und Bobingen und wieder
nach Augsburg, wobei er neben mehreren Ortschaften auch Pfersee verbrannte.
Das Dorf wurde wieder neu aufgebaut, und die nachfolgende Generation erholte
sich rasch. Am Ende des 15. Jahrhunderts zählte Pfersee etwa 50 Häuser.
Von Ilsung ging Pfersee an verschiedene Augsburger
Familien über.
Da Pfersee im Bereich der Markgrafen von Burgau
lag, beanspruchte der damalige Markgraf Erzherzog Ferdinand gewisse Oberherrlichkeitsrechte
und erlaubte 1569 den Juden gegen den Willen des derzeitigen Gutsherrn
Sailer die Ansiedelung in Pfersee. Dies ärgerte Sailer derart, daß
er 1570 Pfersee um 18000 fl. an Michael Kazböck von Thürnstein
zu Oberhausen abtrat. 1579 kaufte der Augsburger Bürger Martin Zobel
Pfersee um 20000 fl. d.h. 2/3 des Dorfes, 1/3 mit der alten Burg, Kirche
und Patrontrecht gehörte dem Bischof und dem Domkapitel. Zobel ließ
sich in Pfersee huldigen, bekannte sich zur lutherischen Lehre; auch gelang
es ihm bald, einen großen Teil seiner Untertanen protestantisch zu
machen. Die Burgauischen Beamten vertreiben 1581 etwa 150 Bekenner des
protestantischen Glaubens aus Pfersee. Zobel ersuchte den Rat der Stadt
Augsburg, sich dieser Sache anzunehmen; es wurde ihm aber solches abgeschlagen,
jedoch seinen vertriebenen Untertanen gestattet,
bis sie anderswo ein Unterkommen finden
würden, sich zu Augsburg aufzuhalten.
Als Zobel Besitzer von Pfersee war, wohnte
in dem Dorfe der Maurer David Mozart, der 1643 Bürger von Augsburg
wurde. Von diesem ehemaligen Maurer stammt der berühmte Tondichter
Wolfgang Amadeus Mozart ab.
Die Nachkommen Zobels verkauften 1682 die
innegehabten 2/3 des Dorfes mit Zubehör um 60000 fl und 15000 fl Leihkauf
an die Jakobspfründe in Augsburg, welche es bis zur Säkularisation
behielt.
Drei Jahre später wurde die hiesige Pfarrkirche
vom Grunde aus in gutem Renaissance-Stil neuerbaut, der Turm 1686 vollendet.
Unter Pfarrer Eschenlohr 1725 wurde die Kirche mit Gemälden geschmückt.
Nach dem Tode von Eschenlohr trennte sich die Filiale Stadtbergen von der
Mutter-Pfarre Pfersee. 1710 kaufte Bischof Alexander Sigmund von den Zobelschen
Erben das Drittel, welches die Familie Zobel im Laufe der Zeit erworben
hatte, um 22000 fl und 1100 fl Leihkauf zum Bistume zurück. Dieser
Anteil kam bei der Säkularisation des Bistums 1802/03 an die Krone
Bayerns. Die übrigen 2/3 des Ortes blieben vorerst als Eigentum der
Jakobspfründe unter Kuratel der Stadt Augsburg.
Nach dem Preßburger Frieden vom 27.
Dezember 1805 wurde Augsburg mit Umgebung, also auch die genannten 2/3
von Pfersee, mit der Souveränität der Krone von Bayern zu einem
Ganzen verbunden. Pfersee wurde dem Landgericht Göggingen zugeteilt
und das Schloß zum Kgl. Rentamtssitz erhoben.
Bei der Säkularisation hatte Pfersee
nicht ganz 600 Einwohner. Diese nährten sich teils von Landwirtschaft,
teils von Gewerbe; namentlich stand das Uhrenmacherhandwerk in hoher Blüte.
Die Juden mehrten sich und mit ihnen auch der Handel. Die Israeliten, welche
sich 300 Jahre lang bald in kleinerer, bald in größerer Zahl
in Pfersee niedergelassen hatten, zogen in der zweiten Hälfte des
vorigen [19.] Jahrhunderts mehr und mehr nach dem nahen Augsburg oder nach
anderen Städten. Die Synagoge, welche in der Leitershoferstraße
- jetzt Nr. 15 - stand, wurde 1876 abgebrochen.
1812 wurde die Wertachbrücke erbaut
und im nächsten Jahr der Pferseer Steg abgebrochen. In den Jahren
1836/37 und 1854 brach in Pfersee die Cholera aus, der Ort hatte damals
schwer zu leiden.
In den Vielen Friedensjahren, welche nach
den Befreiungskriegen folgten, erholte und kräftigte sich Pfersee
rasch, besonders begann für Pfersee ein neuer Zeitabschnitt nach dem
glücklichen, glorreichen Kriege 1870/71. Wie in ganz Deutschland ein
industrieller Aufschwung sich geltend machte, so auch im hiesigen Pfarrdorf.
Nachdem schon 1866 die sogenannte große Fabrik "Spinnerei und Buntweberei"
gebaut wurden war, entstanden rasch nach einander verschiedene industrielle
Anlagen. 1870/71 die landwirtschaftliche Maschinenwerkstätte der Gebrüder
Demharter, 1875 die Chemische-Fabrik von Rad & Hirzl (jetzt chemische
Fabrik Pfersee-Augsburg Dr. v. Rad), 1876 die sogenannte kleine Fabrik
von R. Bernheim, die spätere mechanische Buntweberei von Max Triebke
(nun J. P. Bemberg A.-G.), kurz darnach die Süddeutsche Trikotwarenfabrik
(nunmehr mechanische Buntweberei Raff & Söhne), die Trieurfabrik
von Julius Preßl (jetzt Mayer & Co.), 1885 die Laubsägen-
und Uhrenfedernfabrik der Firma J. N. Eberle & Co. 1887 bauten die
Gebrüder Schnell die Jacquard-Weberei an der Mühlstraße
(jetzt mechanische Weberei am Mühlbach), 1888 folgte die Wollwäscherei
von Otto Lieb. Im gleichen Jahr entstand die Appretur- und Schlichtemittelfabrik
von R. Bernheim, Färberstraße Nr. 12. Die genannten Fabrikanlagen
wurden im Laufe der Zeit durch An-, Um- und Neubauten vielfach wesentlich
vergrößert und verschönert. Die neueste industrielle Niederlassung
ist die Pergamentfabrik von Karl Wildbrett, der gleichzeit eine der Neuzeit
entsprechende Badeanstalt (Marienbad) eröffnete.
1888 errichtete Max Walter in Nr. 1 Stadtbergerstraße
die erste Buchdruckerei dahier und gab das erste Anzeige- und Unterhaltungsblatt
für Pfersee "Der Landbote" heraus. 1892 ging die Buchdruckerei an
die Herren Hieber & Bögner über; das Amts- und Anzeigeblatt
kam in Druck und Verlag von L. Mayer in Lechhausen. Als 1898 A. Hieber
die Buchdruckerei allein übernahm, brachte er die Herausgabe des Amts-
und Anzeigeblattes für Pfersee und Umgebung in seinen Verlag.
Dem Bau der Fabriken folgten ebenso rasch
verschiedene andere Neubauten. Ganze Straßen wuchsen wie aus der
Erde und mit ihnen hob sich die Bevölkerung so schnell, daß
die alten öffentlichen Gemeindeanstalten nicht mehr genügten.
Die Bevölkerungszunahme innerhalb 100 Jahren zeigt folgende Zusammenstellung:
Als Pfersee unter die Bayerische Herrschaft kam, [1802] zählte es
ungefähr 600 Einwohner. 1822 umfaßte es 114 Haupt- und 16 Nebengebäude,
etwa 196 Familien mit 778 Seelen. Bis in die sechziger Jahre gab es beinahe
keine Mehrung; denn 1862 der Ort nur etwas über 800 Bewohner.
Der Entwicklung der Industrie in den letzten
4 Dezennien folgte eine rasche Steigerung der Bevölkerungszahlen.
1871 betrug die Seelenzahl schon 1854, also eine Zunahme von circa 1054
oder 131,75% innerhalb nicht ganz 10 Jahren.
1875 waren es 2884 Einwohner. Zunahme in 4 Jahren 1030 oder 55,67%
1880 " " 3370 "
" " 5 "
486 " 16,87%
1885 " " 4169 "
" " 5 "
799 " 23,41%
1890 " " 5333 "
" " 5 "
1161 " 27,60%
1895 " " 5751 "
" " 5 "
461 " 7,90%
1900 " " 7013 "
" " 5 "
1262 " 21,95%
1905 " " 8589 "
" " 5 "
1576 " 22,48%
Am 1. Dezember 1905 hatte Pfersee in 2001
Haushaltungen 4172 männliche und 4417 weibliche Einwohner. Nach den
Religionsbekenntnissen verteilen sie sich so: 7327 sind Katholiken, 1193
Protestanten, 23 Israeliten, 21 Reformierte und 25 gehören verschiedenen
Religionsgemeinschaften an. Das rasche Wachsen der Einwohnerzahl verlangte
auch eine Mehrung des Seelsorgepersonals. Am 1. September 1890 kam Herr
Joseph Helmer als 1. Kaplan hierher. Im August 1904 wurde die 2. Kaplaneistelle
errichtet. Die Größe der Kirche entspricht schon lange nicht
mehr der kath. Seelenzahl. Um ein neues Gotteshaus in absehbarer Zeit zu
bekommen wurde 1892 unter Herrn Pfarrer Dirr, welcher 23 Jahre dahier wirkte,
durch Gründung des Kirchenbauvereins der Anfang zu einem Kirchenbaufond
gemacht. Genannter Verein kaufte unter seinem Vorstande Herrn Pfarrer Anton
Schwab, welcher am 30. November 1893 dahier seine Seelsorgertätigkeit
begann, das Anwesen Nr. 33 in der Augsburgerstraße und damit wurde
auch die Lage der künftigen Kirche bestimmt. Der Grundstein wird wahrscheinlich
im nächsten Jahr gelegt.
Die Protestenten bauten 1888 in der Jahnstraße
[Jakobine-Lauber-Str.] ein Bethaus; in dieses wurde auch die Kinderschule,
welche in der Färberstraße Nr. 4 untergebracht war, verlegt.
Bald erwiesen sich die Räumlichkeiten zu klein und 1903 wurde das
Bethaus bedeutend vergrößert.
Ein Jahr vorher hatte sich der Bethaus-Verein
das Haus Nr. 12 in der Gartenstraße [Sigmundstr.] erworben und in
diesem nahm der erste protestantische Vikar - August gleichen Jahres -
seinen ständigen Wohnsitz.
1806 war die Gesindestube im Pfarrhaus auch
Schulzimmer; als dieses zu klein sich zeigte, wurde 1818 im Gottesacker
ein eigenes Schulhaus gebaut. 1849 verkaufte die Gemeinde dieses Schulhaus,
welches 1862 abgebrochen wurde, und mietete bei Leonhard Kaiser - jetzt
Stadtbergerstraße Nr.11 - ein Schullokal. Doch schon 10 Jahre darauf
war auch dieses zu klein und die Gemeindeverwaltung wurde vom Landgericht
Göggingen aufgefordert, ein Schulhaus anzukaufen oder zu bauen. Da
kam denn der Wohltätigkeitssinn des Münchner Stadtbaumeisters
Franz Kobinger, geboren zu Pfersee am 10. Dezember 1810, der Gemeinde sehr
zu statten. Dieser uneigennützige Mann schenkte der Gemeinde ein neues
Schul- und Armenhaus - jetzt Schulstraße Nr. 3 [Fröbelstr.]
- mit sechs bezw. acht Schulsälen, 1899 erhielt es einen zweiten Stock.
Am 1. Mai 1898 wurde die protestantische Schule mit zwei Lehrkräften
eröffnet und im Herbst 1899 wurden die drei unteren Abteilungen der
kath. Mädchenklassen den Klosterfrauen v. O. S. Fr. übertragen.
Das neue Mädchenschulhaus [Spicherer-Schule] - ein stattlicher Neubau
mit zwölf Lehrsälen - ward am 22. Dezember 1904 feierlich eingeweiht.
Zur Zeit zählt Pfersee siebzehn katholische und drei protestantische
Schulkassen.
Die Sorge um die kleinen veranlaßte
den sel. Herrn Pfarrer Dirr, eine Kinderbewahranstalt ins Leben zu rufen;
1887 erwarb er das Haus Nr. 2 in der Leitershoferstraße und errichtete
daselbst eine Kinderschule. Bald entsprach sie in ihren Räumlichkeiten
nicht mehr und am 1. Juli 1897 wurde die neue Kinderschule mit Krippenanstalt
in der Elsässerstraße Nr. 2 eröffnet.
Aber nicht nur für die Lebenden, sondern
auch für die Toten trat Raummangel ein. 1874 wurde der neue Gottesacker
[Westfriedhof] angelegt, der 1894 bedeutend vergrößert werden
mußte. Der alte Fried- und Kirchhof wurde 1890 abgetragen und so
ein freier Platz um die Kirche geschaffen.
Nach der Verlegung des Rentamtes von Pfersee
nach Göggingen kam das Schloß in den Besitz des Freiherrn von
Speth, 1852 in jenen von Baron August von Welden, 1873 kaufte es der Schneider
Hüttinger und 1876 Baron von Spruner, dessen Wappen über dem
Eingang des Schlosses angebracht ist. Der Schloßgarten in welchem
ein kleines Wäldchen stand, war mit einer hohen Mauer umgeben, die
von der Stadtbergerstraße Nr. 16 bis zur Ecke der Stadtberger- und
Bayerstraße [Bgm.-Bohl-Str.] und von da bis Schulstraße Nr.
2 [Fröbelstr.] führte. 1882 erwarb die Gemeinde das Schloß
und den etwas verkleinerten Garten um 44000 Mk. und bestimmte dasselbe
zum Kranken- und Armenhaus. Am 4. Oktober begannen die barmherzigen Schwestern
ihren Sameriterdienst. Seit Juni 1905 sind weitere drei Schwestern in der
ambulanten Krankenpflege tätig. (Wohnung Lothringerstraße Nr.
3
[Bebo-Wager-Str.].)
Nachdem die Gemeinde das Schloß erworben
und die Armen dort untergebracht hatte, wurden im Erdgeschoß des
sogenannten Kobinger Hauses zwei Lehrerwohnungen eingebaut. Dadurch wurde
der südwestliche Teil des neuen Schulhauses Schulstraße Nr.3
[Fröbelstr.] frei. In diesen verlegte Johann Pürner, welcher
von 1870 bis 1893 incl. Bürgermeister war, die Gemeindekanzlei. Als
aber diese Räumlichkeiten zur Erweiterung der Schulsäle verwendet
werden mußten, wurde die Kanzlei in den ersten Stock Südseite
des alten Schulhauses transferiert. Unter Bürgermeister Johann Lutz,
der seit 1894 Vorstand der Gemeinde ist, kam im Mai 1895 die Gemeindekanzlei
im Standesamt in das dem katholischen Kirchenbauverein gehörige Haus-Nr.
33 Augsburgerstraße.
In den letzten 25 Jahren hat Pfersee auch
in anderer Weise große Umgestaltungen erfahren. Durch die Erweiterung
der Straßen und Rinnenanlagen in denselben, durch die Pflasterung
der Augsburgerstraße 1898-1899, durch die Einführung der Straßenbahn
und Straßenbeleuchtung, durch eine große Zahl stattlicher Neubauten
hat das Dorf einen städtischen Anstrich erhalten. Hier sollen genannte
Neuerungen in ihrer chronologischen Reihenfolge noch genauer erwähnt
werden. 1878 erbaute man an der Wertachbrücke ein Zollhaus, welches
im heurigen Frühjahr abgebrochen wurde. 1888 erhielt Pfersee ein eigenes
Feuerhaus und 1891 ein stattliches Postgebäude und bald darauf eine
Telegraphenstation und öffentliche Telephonleitung. Im November 1881
wurde Pfersee durch die Pferdebahn mit Augsburg verbunden, an deren Stelle
trat die elektrische Straßenbahn, welche am 23. August 1898 eröffnet
wurde. 1894 kam Pfersee durch die Gürtel- bezw. Lokalbahn nach Göggingen
an den großen Schienenverkehr und erhielt durch die Eisenbahnbrücke
über die Wertach den längstgewünschten Verbindungsweg nach
Göggingen.
Am 27. April 1898 beschloß die Gemeinde
die Einführung der elektrischen Beleuchtung. AM 1. Dezember 1899 erhellten
die ersten elektrischen Lampen die Ortsstraßen, den Strom lieferte
das Elektrizitätswerk Göggingen, welches am 19. Dezember 1902
abbrannte. Pfersee war nun wieder einige Zeit ohne Beleuchtung. Am 18.
März 1903 traten wieder alle Lampen in Funktion. Seit November genannten
Jahres liefert das Lech-Elektrizitätswerk den nötigen Strom.
Die Straßenbeleuchtung zählt z.Zt. 33 Bogen- und 45 Glühlampen.
Am 1. Januar 1899 wurde die Gandarmeriestation
errichtet.
Von 1900 an herrscht hier eine große
Bautätigkeit, besonders in der Augsburger-, Gollwitzer-, Sedan-[Leonhard-Hausmann-],
Weißenburger- und Wörthstraße [zu L.-Hausmann-Str.] entstanden
ganze Häuserreihen, so daß innerhalb von fünf Jahren die
Häuserzahl von 449 auf 513 stieg.
Seit 1904 wirken dahier vier praktische
Ärzte.
Die Baur'sche Apotheke [Augsburger Str. 27]
wurde im März 1905 geschlossen; dagegen eröffnete Apotheker Stummer
die St. Michaelsapotheke in gemieteten Lokalitäten bis zur Fertigstellung
seines Neubaues, Augsburgerstraße 20 [neue Hs-Nr.12], der in heimischer
Bauart ("Bodenständige Bauweise") eine besondere Zierde der Hauptstraße
bildet.
Zu gleicher Zeit entstanden die Medizinal-
[Augsburger Str. 27 alte Hs-Nr.35]und Bavaria-Drogerie. [Augsburger Str.
alte Hs-Nr.37 1/2]
Durch den Saalbau "Drei König" [Augsburger
Str. 37, alte Hs-Nr.40; erstes viergeschossiges Haus an der Augsburger
Str.] erhielt Pfersee 1905 ein zeitgemäßes Lokal, um größere
festliche Veranstaltungen in geschlossenen Räumlichkeiten abhalten
zu können. - An der Mozartstraße [Lutzstr.] entsteht gegenwärtig
eine neue Turnhalle.
Durch die Eisenbahn-Unterführung
wird im kommenden Jahre Pfersee noch inniger mit der Kreishauptstadt verbunden
und dadurch der industrielle Aufschwung des stattlichen Dorfes noch mehr
gefördert.
Möge aber mit der geschäftlichen
Hebung stets auch die sittliche gleichen Schritt halten! Das ist der sehnlichste
Wunsch des Chronisten.
